Studienfahrt nach Lusern 3., 4., 5. Okt.2013

03.11.2013

Studienreise nach Lusérn

Am Tag der Deutschen Einheit, 3.Okt. 2013, fuhren Mitglieder des Kreisverbands Rosenheim ins Trient – Welschtirol. Bei der Studienreise des Kreisverbands 2008 nach Südtirol waren sie bei den politischen Gesprächen auf der Churburg von Graf Johannes Trapp durch Luis Nicolussi Castellan dem damalige Bürgermeister von Lusérn eingeladen worden.

Lusérn und seine Region entpuppte sich als alter geschichtsträchtiger Boden.

Bevölkert ist er durch die Zuwanderung der Einwohner nach 1053 aus dem Gebiet des Kloster Benediktbeuern in Bayern in der Diözese Augsburg unweit des Kochelsees.

Durch die Abgeschiedenheit hat sich eine alte bairische Sprachinsel, das Zimbrische, halten können. Die Gemeinde ist Teil eines aus 12 Gemeinschaften bestehenden Einheitskomitees der Historischen Deutschen Sprachinseln in Italien. Durch Lusérn lief die südliche Grenze von Österreich-Ungarn und damit die Frontlinie im I. Weltkrieg. Sie wurde durch sieben mächtige Sperrwerk genannte Festungen erfolgreich verteidigt.

Die Gemeinde

Lusérn mit heute knapp 300 Einwohnern liegt auf 1.333 m in Oberitaliens Provinz Trient, Region Trentino-Südtirol. Teile des Gemeindegebiets stammen aus einer Belehnung von Graf Trapp um 1610.

Lusérn befindet sich am südlichen Rand einer großen Hochebene über dem darunterliegenden Asticotal. Typisch für das Gebiet sind natürliche Terassen, tiefe Schluchten und Steilhänge mit Höhenunterschieden von bis zu sechshundert Metern. Die Hochebene umfasst ca. 20 km²und liegen alle in den Höhenlagen zwischen 1.200 und 1.550 m mit der höchste Erhebungen von 2.000 m. In der Vergangenheit gab es nur wenige und äußerst schlechte Wege, die das kleine Hochplateau mit den anderen Dörfern der Umgebung verbanden. Der wichtigste Weg war damals der nach Brancafora, der jedoch quer durch das Gebirge und die Steilhänge in das Tal hinunter führte. Es war ein einfacher Bergpfad, der nur unter großen Gefahren und im Winter überhaupt nicht nutzbar war. Die Straße nach Lavarone, heute die Hauptverbindungsstraße ins Tal, wurde in den Jahren zwischen 1882 und 1885 gebaut. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts folgte der Bau der befahrbaren Straße zwischen Monterovere und Caldonazzo.

Das Erscheinungsbild der Gegend um Lusérn wurde stark von der Hand des Menschen geprägt. Die großen Mühen, die die Menschen auf sich nahmen, um in dieser Umgebung überleben zu können, lassen sich an jedem Meter Boden klar ablesen. Das hervorstechendste architektonische Merkmal ist der bearbeitete Fels, der verwendet wurde, um Terrassen für Felder und Äcker anzulegen. Auch die weniger steilen Weideflächen sind durch bearbeitete Felsmauern gekennzeichnet. Die Vegetation setzt sich hauptsächlich aus Mischwäldern mit Laub- und Nadelhölzern zusammen. Die Fahne des Ortes ist seit 2005 das Wappen auf blauem und weißem Hintergrund mit Bezug auf die Farben Bayerns, des Ursprungslandes der Bewohner und der lokalen Sprache.

Die Zimbern

Eigenbezeichnung Zimbarn oder Tzimbar sind eine bairische Sprachminderheit, die drei Sprachinseln in Oberitalien in den Regionen Venetien und Trentino-Südtirol umfasst. Ihre traditionelle Mundart, das Zimbrische, in den Sieben Gemeinden seit dem 17. Jahrhundert zur Schriftsprache ausgebaut, wird heute noch von knapp 1000 Menschen gesprochen, davon leben die meisten im Trient. Alle Bewohner dieser Sprachinseln sprechen auch Italienisch, viele auch Standarddeutsch. Nur in Lusérn ist das Zimbrische noch Alltagssprache.

Lusérn im Ersten Weltkrieg

Lusérn und das obere Asticotal, die zu Österreich-Ungarn gehörten, befanden sich unmittelbar an der Staatsgrenze. Von 1908 an waren sie Schauplatz eines Projekts der Wiener Regierung, das die Konstruktion einer beeindruckenden Befestigungslinie vorsah. So wurden zwischen Folgaria und Vezzena sieben große Festungswerke errichtet. Der Bau des Festungswerks Lusérn bot der Bevölkerung eine bemerkenswerte Einkommensquelle. Zwischen 1908 und 1912 wurde die gesamte Gemeinde im Bau beschäftigt, was für einen gewissen Wohlstand im Ort sorgte.

Das Werk Lusérn ist das wohl beeindruckendste unter allen Festungen. Von den Italienern wurde es “Padre eterno” – ewiger Vater genannt. In den ersten Kriegstagen wurde es von der italienischen Front am stärksten unter Beschuss genommen, weil es sich an einem strategisch wichtigen Punkt befand. In vier Tagen wurde es zum Ziel von über 5000 großkalibrigen Geschossen. Das Festungswerk Lusérn wurde bis zur Offensive im Mai 1916 gehalten, als sich die Front verschob. Die Bewohner von Lusérn mussten den unter Beschuss stehenden Ort verlassen und konnten nur das Notwendigste mit sich tragen. Sie wurden in Aussig in Nordböhmen untergebracht und auf mehrere Ortschaften verteilt. Erst im Winter 1919 konnten sie in die Heimat zurückkehren. Nach drei Kriegsjahren war Lusérn größtenteils zerstört und musste vollständige neu errichtet werden. Die italienische Regierung stellte Hilfsmittel bereit und für diejenigen Lusérner, die in der Lage waren, solche Arbeiten zu verrichten, bot der Wiederaufbau zumindest für einige Jahre einen Arbeitsplatz.

 

Die Studienreise

Planmäßig ging es nach ruhiger Anfahrt und Mittagessen im Hotel zum Kulturinstitut.

Hier erhielten wir von Luis Nicolussi Castellan eine Einführung in die zimbrische Sprache und die Geschichte des Orts und der Region.

Anschließend besuchten wir das Museum „Haus von Prükk“. Dies ist ein restauriertes zimbrisches Bauernhaus aus dem 19. Jahrhundert.

Derzeit ist eine eindrucksvolle Sonderschau zum ersten Weltkrieg zu sehen.

Am nächsten Morgen ging es im Bus zur berühmten Lusérner Festung.

Die mystische Nebellandschaft passte wunderbar zu der Szenerie der verfallenen Schützengräben und dem teils durch Beschuss und teils durch Verwitterung gezeichneten Bauwerke. Castellan Luis Nicolussi führte uns durch das Areal.

Lebensgroße Blech-Silhouetten mit Gedenktafeln beschreiben die Gedanken der Menschen aus der Zeit des 1. Weltkriegs. Nach einer kleinen Wanderung erreichten wir wieder das Dorf.

Vier von den Nachzüglern der Gruppe trafen den Heimatdichter Adolf Nicolussi Zetta, der uns einige zimbrische Gedichte vortrug und in modernes Bayrisch übersetzte.

Nachmittags besuchten wir das Werk Gschwent Belvedere. Hier übernahm Totilla Meissner die Führung durch die Anlage. Versehen mit einer Besatzung von 200 Soldaten unter dem Befehl eines Leutnants, erfüllte diese Verteidigungsstellung. Allein im ersten Kriegsjahr schlugen mehr als 1000 großkalibrige Granaten auf die Festung ein.

Anders als die anderen Wehrfestungen, die in den 30er Jahren zwecks Eisenbeschaffung abgerissen worden sind, entging das Werk der kompletten Zerstörung der Nachkriegsjahre durch das königliche Dekret Vittorio Emanuele III.

Der Museumsrundgang führt über 3 Etagen des Kasematenblockes mit unterschiedlichen aber zusammenhängenden Themen.

Die Räume im Erdgeschoss widmen sich den Erklärungen zu Ursprung und Besonderheiten der Festungen der Hochebenen und dessen Wirkung auf die darin lebende Besatzung.

Im ersten Geschoss werden die verschiedenen Ereignisse und militärischen Operationen im Umfeld der Hochebenen mit Hinblick auf die internationalen und europäischen Zusammenhänge aufgeführt.

Das zweite Geschoss widmet sich den eigentlichen Themen zum Krieg: dem Schützengraben, dem Leben der Soldaten, dem „industrialisierten Krieg“, der Propaganda und der Erinnerung.

Die unvorstellbar schlechte Versorgung lässt sich anhand der Tagesration von einem halben Liter Wasser pro Tag nur erahnen. Die automatischen Schusswaffen versagten teils in der Kälte ihren Dienst und teils fehlte schlicht die Munition. Wir wunderten uns über ausgestellte mittelalterliche Waffen wie Morgensterne oder Keulen, die notgedrungen zur Ausrüstung der Soldaten gehörte.

Die Flut der Eindrücke – Grusel und Erleichterung, dieses düstere Kapitel nicht selbst erlebt haben zu müssen -, prägten die anschließenden Unterhaltungen. Nach einem weiteren gemütlichen Abend ging es am Samstag zurück nach Bayern.

Quellen und weiterführende Informationen:

www.Lusérn.it

www.isolelinguistiche.it

www.cimbri7comuni.it

www.sprachinselverein.at

www.visittrentino.it

www.trentinograndeguerra.it

G/Geschichte Ausgabe 11/2013

www.fortebelvedere.org

Fotos und Bericht: Sebastian Hering

Bearbeitung für Internet: Alfred Dickert

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